Schon Mitte des 18. Jahrhunderts wurde im Ruhrgebiet der Ruf nach einem schiffbaren Wasserweg zum leichteren Transport der Kohle laut. Aber sowohl die Pläne zur Schiffbarmachung der Ruhr wie auch die der Kanalisierung der Emscher wurden von der preußischen Regierung mit Hinweis auf zu hohe Kosten verworfen. Die Bauarbeiten für den Rhein-Herne-Kanal begannen 1908 und waren am 10. Juli 1914 beendet. Er folgt weitgehend der begradigten Emscher zwischen Duisburg-Ruhrort über Gelsenkirchen nach Herne und kostete damals 70 Millionen Mark. Die Stadt Gelsenkirchen durchzieht er von Osten nach Westen in 8,2 km Länge.

Bereits am 28. August 1912 erfolgte durch Oberbürgermeister Machens der Spatenstich für den Bau eines Gelsenkirchener Stadthafens, der 1913 in Betrieb genommen wurde. Am 13. Juli 1914 legte das erste Schiff in Gelsenkirchen an.

Nach dem Zusammenschluß von Gelsenkirchen, Buer und Horst im Jahre 1928 wuchs die neue Stadt nur langsam zusammen. Als im März 1945 auf Befehl der örtlichen NSDAP-Parteileitung die Emscher- und Kanalbrücken gesprengt wurden, war die alte Trennung der Stadtteile wieder vollständig. Zum Transport und zur Beförderung der Menschen wurden Fähren eingesetzt, und die Bevölkerung mußte einige Jahre starke Behinderungen in Kauf nehmen. Eine Fähre, die von Hand mit einer Kurbel betrieben wurde, befand sich an der Horster Wallstraße, weitere in Schalke und an der Münsterstraße in Bismarck. Dieser „mittelalterliche" Fährbetrieb an der Münsterstraße, wo täglich bis zu 3000 Menschen befördert wurden, war noch bis zum 30. Juni 1948 in Betrieb. Einen Tag später wurde die erste neue Brücke wieder dem Verkehr übergeben.


Die Brückenbauten in Gelsenkirchen dauerten bis zum Ende des Jahres 1952. Bis dahin wurden in der Stadt insgesamt 21 neue Straßen-, Bahn-und Industriebrücken gebaut.Bis heute hat sich der Rhein-Herne-Kanal als wichtiges wirtschaftliches Verbindungsglied zum östlichen Ruhrgebiet behaupten können.


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http://www.gelsenkirchener-geschichten.de/wiki/Rhein-Herne-Kanal

DER RHEIN-HERNE-KANAL
ODER:
"DIE FRIKADELLEN-RIVIERA"


Eigentlich auf dem Weg zum Freibad Grimberg, entschlossen wir uns oft spontan, das Eintrittsgeld (30 Pfennige) fürs Freibad zu sparen und den heißen Sommertag, vielleicht nicht unbedingt besser, dafür aber um so billiger am Kanal zu verbringen. Meist suchten wir uns dann eine Stelle in der Nähe der Brücke an der Münsterstraße: noch auf der Erler Kanalseite vor der Brücke, rechts herunter.

Einen guten Platz für seine Decke und Habseligkeiten zu finden, war schon nicht einfach: an heißen Tagen war das Kanalufer proppevoll mit badelustigem Volk.


Im Wasser sah man oft viele schwarze, prall aufgeblasene Autoschläuche, die als Schwimmring dienten. Ab und zu waren auch richtig dicke LKW-Schläuche dabei, mit denen die „Großen" dann ihren Spaß hatten. Die klagten dann auch oft über Macken am Körper, die sie sich beim Rumbalgen im Wasser durch die langen, vorstehenden Schlauchventile zugezogen haben.
Auch musste es hier nicht immer eine richtige Badehose sein: für den Kanal reichte auch eine Unterbuxe in der damals üblichen grauen Farbe.
Überhaupt: ins Wasser zu kommen, kostete zuerst einmal etwas Überwindung: ich empfand es immer als etwas ekelig, barfuss auf die mit braungrünem, glitschigem Moos bewachsenen Ufersteine zu treten.
Wenn man dann aber drin war, ging es.
Der Grund war ab Kniehöhe nicht mehr sichtbar und man wusste auch nie, wann es plötzlich so richtig tief abging.
Schwimmen zu können, das war schon wichtig. Denn wenn ein schwer beladenes, tief im Wasser liegendes Schiff vorbeizog, schob es am Bug einen richtigen Wasserberg vor sich her. Das ergab einen mächtig starken Sog. Der Wasserspiegel sank blitzschnell, man wurde zur Kanalmitte hingezogen und hatte, bis auf die glitschigen Ufersteine, meist nix zum Festhalten.

War das Schiff dann vorüber, genossen wir es, in die nun folgenden, zumindest aus Kindersicht hohen Heckwellen hineinzuschwimmen.
Dann war auch oft die Rede von gefährlichen Strudeln hinter den Schiffen, die einen in die Schraube geraten lassen konnten. Die schauerlichsten Geschichten von „appen Händen und Beinen" und allerlei Menschenmatsche, die so eine Schiffsschraube anrichten konnte, flößten uns Knirpsen entsprechenden Respekt ein und bewahrten uns wohl auf diese Weise vor all zuviel Heldenmut.


An den sonnigen Wochenenden gab es auf der Kanalbrücke Münsterstraße immer viele Schaulustige, die den „richtig großen Jungs" zuguckten, die sich unter Beifall und Zurufen ihres Publikums wagemutig von der Brücke in die trüben Fluten stürzten. Andere schwammen seitlich an die schwer beladenen, tief im Wasser fahrenden Lastkähne heran, stiegen aufs Deck, fuhren ein Stück mit und sprangen wieder ins Wasser, um später auf gleiche Weise mit einem anderen, in entgegengesetzter Richtung fahrenden Schiff wieder zurückzukommen.


Die Schiffer mochten das nicht gern und hatten als Abschreckung ihre Kähne von außen mit klebrigem Teer bestrichen, der sich dann n den Körpern und den Badehosen der Schiffseroberer wiederfand. Das schwarze Zeug hinterher von Haut und Buxe abzubekommen, war eine Plackerei!
Das graugrüntrübe Kanalwasser stank auch mmer irgendwie nach Diesel und nach Kokerei. Und man selbst hinterher ebenfalls.
Kanalbaden machte aber auch schlau:
Ich bin der festen Überzeugung, dass die meisten Gelsenkirchene ihr Wissen darüber, dass „Kacke oben schwimmt", hier beim Baden im Rhein-Herne-Kanal erworben haben. Und wer, mit diesem Wissen ausgestattet, ebenso unfreiwillig wie unvermeidbar mehrfach ordentlich Kanalwasser schlucken musste, wusste spätestens seitdem, dass es schönere Momente im Leben geben kann.
So erinnere ich mich, wie ich einmal so richtig in Panik geriet, weil mich ungefähr auf der Kanalmitte einmal irgend etwas an den Beinen streifte. So schnell bin ich wohl noch nie, ohne Rücksicht auf die glitschigen Steine, aus dem Wasser ans rettende Ufer gekommen. Mag sein, dass es nur eine Plastiktüte oder ein Stück Tau war, aber in unserer Kinderphantasie hätte es auch ein Toter, ein Ertrunkener gewesen sein können.
Und wir stellten uns vor: Du schwimmst auf der Kanalmitte, da, wo es am Tiefsten ist – und plötzlich ergreift eine kalte tote Hand Deinen Fuß und zieht Dich runter ins Reich der Ertrunkenen..... Schauder.
Ein besonders beliebtes Kanal-Abenteuer war das Baden an der „Warmwasserstelle" unweit des Bismarcker Hafens.

Man überquerte von Erle aus die Kanalbrücke Münsterstraße, ging dort auf der anderen, der Bismarcker Uferseite nach rechts hinunter in Richtung des nach einigen hundert Metern links liegenden Hafens Bismarck, dessen Schiffseinfahrt von einer Eisenbrücke überspannt war.


 

Über diese Brücke zu gehen, war immer etwas spannend, weil der schmalere Fußgängerweg zur Kanalseite aus quermontierten Holzbohlen mit Zwischenräumen bestand, durch die man gleich direkt ins Wasser blicken konnte. Hinter der Brücke wurde der Kanalweg sehr schmal und führte an einer dünnen Mauer aus Betonpfählen vorbei.
Nur wenige Meter weiter in Richtung Schalke stand oberhalb des Ufers ein kleines, betongraues Pumpenhaus, aus dessen offenen, aber gut vergitterten Fenstern immer ein lautes Getöse zu hören war.
Der Kanal darunter hatte an dieser Stelle eine halbrunde mit Eisenspunden eingefasste Einbuchtung, ähnlich einer verkleinerten Hafenausfahrt.
Direkt unterhalb des Pumpenhäuschens gab es zum Kanal hin eine Betonmauer mit einer großen Öffnung darin, aus der unter richtig hohem Druck fast heißes Wasser weißgelb schäumend und aufwirbelnd durch ein starkes Gitter hindurch in den Rhein-Herne-Kanal gepumpt wurde. Der schaumige Strudel des herausschießenden Warmwassers reichte bis zur eigentlichen Kanalmitte, wo es sich dann mit dem normalen Kanalwasser vermischte und in Richtung zur Schalker Schleuse hin abfloss.
Hier konnten wir Knirpse auch bei nicht so schönem Wetter sogar bis spät in den Oktober hinein schwimmen gehen: im Wasser war es ja mollig warm.
Die aufsteigenden Dämpfe müffelten zwar immer irgendwie nach Diesel oder Öl, aber das störte eigentlich niemanden.
Wir stiegen in diese Bucht und versuchten stets, gegen die ordentlich starke Pumpströmung an das Eisengitter zu gelangen, durch das das brodelnde Warmwasser Richtung Kanal schoss.
Hatte man dann „seinen" Gitterplatz erobert, hielt man sich, solange es ging, hier fest und genoss es, sich gegen den starken, herrlich heißen Wasserdruck zu stemmen. So manche Badebuxe ging dabei verloren, und tauchte, wenn man Glück hatte, auf der Kanalmitte wieder auf.
Wir blieben oft stundenlang im schäumenden Pumpenwasser. So lange, bis uns Finger und Füße richtig schrumpelig wurden.
Schlimm wurde es nur, irgendwann wieder an Land gehen zu müssen, weil die Luft ja viel kälter als das Wasser war. Das Abtrocknen und Anziehen ging dann nur noch unter Bibbern und Zähneklappern.

Und zu Hause roch man noch lange nach Kanal…

Lo Lange (2004)


 

Fotos: aus den www.gelsenkirchener-geschichten.de und (c) M. Westphal