Die Dreifaltigkeitskirche auf der Cranger Straße


Die Dreifaltigkeitskirche liegt zentral im Ortskern von Erle. Stadtviertel und Kirche wurden aufgrund der durch die Erschließung des Steinkohleabbaus wachsenden Bevölkerung 1902 bis 1903 neu errichtet.   Die neogotische Backsteinkirche, die sich in ihren Formen an die norddeutsche Backsteingotik anlehnt, zeigt sich als dreijochiges Langhausbau mit Querarmen. Nach Osten schließt sich ein eingezogener polygonaler Chor mit einem 5/8-Schluss an das Kirchenschiff an, das von einem Satteldach abgeschlossen wird.  
Strebepfeiler, Spitzbogenfenster und Kleeblattbogenfriese gliedern den Außenbau. Der weithin sichtbare viergeschossige Turm mit Spitzhelm schließt sich im Südwesten an. Der von großen Fenstern durchbrochene Hauptturm wird von zwei kleineren Treppentürmen flankiert.  
Die evangelische Kirche in Erle verkörpert ein wichtiges Zeugnis des evangelischen Kirchenbaues in der Phase der Hochindustrialisierung des Ruhrgebietes und ist  von städtebaulicher Bedeutung. Der Bau ist eine frühe Arbeit des Baurates Karl Siebold, der von 1891 bis 1921 die Betheler Bauverwaltung und von 1906 bis 1930 das Provinzialkirchliche Bauamt leitete.  

Mit dem Beginn des Bergbaus und der Abteufung der Schächte 2 und 3 der Zeche Graf Bismarck in Erle zogen viele evangelische Arbeitskräfte mit ihren Familien aus Ostpreußen, vornehmlich Masuren, in die neugebauten Siedlungshäuser nach Erle, um auf den Zechen zu arbeiten. Um die vielen evangelischen Christen in Erle, die zur Bleckkirche gehörten, gut betreuen zu können, wurde die Gründung einer eigenen Kirchengemeinde notwendig. So wurde am 1. Dezember 1898 die „Evangelische Kirchengemeinde Erle-Middelich" gegründet.

1881 wurde der Ostpreußische Evangelische Arbeiter Unterstützungs­verein Erle - Middelich gegründet.

1885 war die Gründung der Evangelisch – Lutherischen Gebetsgemeinschaft Wilhelmstraße.

1895 wurde ein Kirchbauverein gegründet und das Kirchengrundstück an der Cranger Straße vom Grafen Westerholt-Gysenberg zu Westerholt erworben.

1898 Am 1. Dezember erfolgte die Gründung der Evangelischen Kirchen­gemeinde. Sie erhielt den Namen „Evangelische Kirchengemeinde Erle -Middelich".

1899 Der neuen Gemeinde wurde bereits am 1. März der „Betsaal" – das spätere Michaelhaus – als Notkirche übergeben. Dem im Mai des gleichen Jahres eingeführten Pfarrer Michael stand auch ein neues Pfarrhaus zur Verfügung.

1902   Es wurde der Evangelische-Arbeiter-Verein Erle-Middelich (heute Evangelische Arbeitnehmer-Bewegung in Erle, EAB) gegründet Die Notkirche war für den Gottesdienst zu klein geworden; die Gemeinde brauchte eine Kirche. Nach dem ersten Spatenstich am 4. Juni und der Grundsteinlegung am 24. August 1902 konnte am 15. September 1903 bereits der erste Gottesdienst gehalten werden. Die Baukosten betrugen 125.000,- Mark.

Die Orgel ist ein Werk der Orgelbaufirma Klaßmeier in Kirchheide bei Detmold. Sie ist 1898 für eine andere Kirche gebaut worden und paßte sich nicht der Innenarchitektur unserer Kirche an. Außerdem wies sie sofort mehrere technische Fehler auf.

Die drei Gußstahl – Glocken im Turm  sind 1903 im Gußstahlwerk Bochumer Verein gegossen worden.
Die Sterbeglocke: 158 cm Durchmesser, 2000 kg, Ton cis, Inschrift „Ein feste Burg ist unser Gott".
Die Gebetsglocke: 140 cm Durchmesser, Ton dis, 1700 kg, Inschrift „Das Wort sie sollen lassen stahn".
Die „Vater unser" Glocke: 126 cm Durchmesser, Ton fis, 1200 kg, Inschrift: „Das Reich muß uns doch bleiben".

==Chronik==

1905 Gründung des CVJM  von Pfarrer Teiner.
Gründung: Ostpreuß.-Evang.-Knappen-Unterstützungsverein Erle-Middelich

1906 Einweihung des Kindergartens Breite Straße 10
Im November wurde die zweite Pfarrstelle errichtet und bis 1924 mit einem Pfarrer besetzt, der auch die masurische Sprache beherrschte.

1912 Gründung der Frauenhilfe Lydia 1913 Gründung der Frauenhilfe Tabea.

1916 Aus kommunalen Gründen wurde der Name der Gemeinde in „Evangelische Kirchengemeinde Buer-Erle" geändert.

1924 Am 12. Oktober wurde das 25jährige Bestehen der Kirchengemeinde mit Festgottesdienst und einer Nachfeier am Nachmittag, die ebenfalls in der Kirche stattfand, gefeiert.

1926   Am 4. Mai wurde die 3. Pfarrstelle besetzt.

1927 Die finanzielle Lage gestattete nicht den Bau eines neuen Gemeindehauses anstelle des wenig ansprechenden Betsaales. So erwarb die Gemeinde für 9.300,- RM von der Kreuztaler-Hallenbau-Gesellschaft einen Jugend- und Konfirmandensaal.

1929 Am 16. Mai wurde der Gesellen- und Meisterverein gegründet.

1932 Seit dem 1. Juli gehörte die zunächst zur Synode Münster und anschließend zu Recklinghausen gehörende Gemeinde zur Kreissynode Gelsenkirchen.

1955 Auf Grund von Beschlüssen der Presbyterien Buer – Mitte, Resse und Buer - Erle wurde die neue Gemeinde Buer – Middelich gegründet. Dadurch gab die Gemeinde Erle den Gebietsteil nördlich der Autobahn ab.

Seit dem 14. Oktober 1993 steht die Dreifaltigkeitskirche auf der Denkmalschutzliste der Stadt Gelsenkirchen.
 

==Die Berufene Seelsorger der Gemeinde (bis 1996)==

  • Pfarrer Edmund Michael    04.05.1899-01.02.1902   
  • Pfarrer Wilhelm Teiner    10.07.1902-06.10.1907    
  • Pfarrer Karl Wilhelm Rauch    24.02.1907-zum Tod 13.06.1936    
  • Pfarrer Werner Volkening    28.02.1908-30.04.1916    
  • Pfarrer Otto Rauch    16.10.1921-21.03.1924    
  • Pfarrer Theobald Lehbrink    02.11.1924-31.01.1939   (Superintendent der evang. Kreisgemeinde der Stadt Gelsenkirchen)
  • Pfarrer Richard Heinz    01.08.1926-14.12.1931    
  • Pfarrer Donner aus Resse versorgte nach dem Tod von Pfarrer Karl Rauch zusätzlich neben seiner Gemeinde in Resse die Bekenntnis — Gemeinde in Erle vom 1936-1941.


Der Bruderrat, der bis 1948 im Amt war, berief zur Hilfe in die Gemeinde folgende Pastoren:

  • Pastor Hense    1936-1938    
  • Pastor Schümer    1938/1939
  • Pastor Boland    1938-1940    
  • Pfarrer Dr. Plate    1938/1939
  • Pfarrer Donner aus Resse 1943/1944
  • Pfarrer Hans Clemen    01.04.1939-04.12.1942    
  • Pfarrer Johannes Bettin    01.05.1939-Ruhestand 31.12.1968    
  • Pfarrer Werner Karg    01.05.1946-Ruhestand 29.02.1976
  • Pfarrer Wolfgang Thomä    01.09.1947-31.05.1952    
  • Pfarrer Eberhard Schmidt-Casdorff    31.05.1953-Ruhestand 30.09.1960
  • Pastor Wilhelm Mihrmeister    31.07.1955-Ruhestand 30.04.1963
  • Pfarrer Hans-Joachim Reinhardt    29.04.1962-31.12.1968    
  • Pfarrer Hans-Günther Blomeier    13.01.1963-25.08.1968    
  • Pfarrer Hans-Herrmann Fischer    27.06.1965-28.02.1975    
  • Pfarrer Wolf-Dieter Holl    15.11.1968-30.09.1977    
  • Pfarrer Alfred Nessitt    31.08.1969-zum Tod 22.10.1994    
  • Pfarrer Lothar Weiß    16.05.1971-30.11.1977    
  • Pfarrer Gerd Scheier    ab 01.06.1977    
  • Pfarrer Erich Müller    01.10.1978-Ruhestand 31.03.1996
  • Pfarrer Norbert Filthaus    ab 03.02.1980    
  • Pfarrer Christoph Funke    ab 16.11.1980    
  • Pfarrer Stefan Benecke    ab 01.07.1995    
  • Pfarrer Peter Spelsberg    ab 01.06.1996



Quellen: Festschriften den evangelischen Gemeinde Buer-Erle  

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Karl Rauch (* 1879 in Köln-Nippes, † 13. Juni 1936 in Emmerich) war  Pfarrer an der Dreifaltigkeitskirche.

 

Karl Rauch wurde 1879 in Köln-Nippel geboren. Es folgen der Besuch der höheren Schule in Köln mit abschließendem Abitur und das Studium der evangelischen Theologie an den Universitäten Bonn und Halle/Saale. Nach seinem Examen begann seine Vikarszeit im ostpreußisch-masurischen Städtchen Nikolaiken. Nach Zwischendiensten in Gemeinden in Essen Kray und Katernberg übernahm Rauch 1905 in Erle das Amt des Hilfspredigers unter Pfarrer Teiner, und zwei Jahre später wählte man ihn einstimmig in die 2. Pfarrerstelle. 1909 bezieht er das neuerbaute Pfarrhaus in unmittelbarer Nähe des Elisabeth-Krankenhaus an der Cranger Straße. Während des 1. Weltkrieges, in dem die Gemeinde 325 Kriegstote zu beklagen hatte, führte Pfarrer Rauch einen ergreifenden Totenritus ein: Wenn ein Gemeindemitglied gefallen war, erhob sich bei der Abkündigung die ganze Gemeinde und sang ein Lied, das den Trauernden Trost und Christenhoffnung in die Seelen gab. Am 21. März 1924 verstarb Rauchs erste Ehefrau, die er 1912 heiratete, im Alter von 33 3/4 Jahre alt. Aus dieser Ehe gingen 5 Kinder hervor, von denen 2 sehr jung gestorben sind. Die zweite Eheschließung von Rauch geschah 1925, aus der das 6. Kind von Rauch hervorging.

Verglichen mit der Tätigkeit von 1905 bis 1933 bilden 3 1/2 Jahre unter dem Nationalsozialismus nur einen sehr kurzen Abschnitt. Der Nationalsozialismus will eine neue, eine falsche evangelische Kirche erzwingen. Unter dem Schlagwort: "Ein Volk, ein Gott, ein Reich, eine Kirche" und mit Hilfe der "Deutschen Christen" soll aus der Gemeinde unter dem Wort "eine Gemeinde unter dem Führer" werden und der Kirchenkampf entbrennt 1933. Gegen diese vom Staat verordnete Kirche, die unter anderem das Alte Testament abschaffen und das Führerprinzip im kirchlichen Raum einführen wollte, setzte sich der sogenannte "Pfarrernotbund" unter Martin Niemöller Wikipedia-Link zur Wehr, aus dem dann die Bewegung der "Bekennenden Kirche" hervorging. Hier "Bekennende Gemeinde" , und dort "Deutsche Christen". Auch eine Reihe angesehener Erler Bürger schenkt zunächst den Deutschen Christen ihr Wohlwollen. Bei der Wahl des Presbyteriums am 24.7.1933 erreichen es Propaganda und persönliche Einflußnahme tatsächlich, daß eine rein deutsch-christliche Gemeindevertretung gewählt wird. Hier beginnt der Kampf des Pfarrers Karl Wilhelm Rauch um das reine Evangelium, um die reine Lehre. Ein wagemutiger Kampf 1933/1936 im Zeitalter der Diktatur und der Gestapo. Pfarrer Rauch begann, unterstützt durch den Bruderrat (der sich im Herbst 1934 gebildet hatte) die Bekenntnisgemeinde zu sammeln und er gewann die Achtung und das Vertrauen nicht nur seiner Gemeinde. Schon bald nach Beginn des Kirchenkampfes wählten ihn die Pfarrer des Kirchenkreises Gelsenkirchen zu ihrem Bekenntnis-Superintendenten. Pfarrer Lehbrink (2. Erler Pfarrer) vertrat als Superintendent die Sache der Deutschen Christen. Allerdings war der Kreis, der zu ihm hielt, verhältnismäßig klein.

Zitat: Im Vertrauen, daß er als Hüter und Bekenner der evangelischen Wahrheit treu auf der Wacht stehen würde, scharte sich die Bekenntnisgemeinde eng und dienstbereit um Pfarrer Rauch. Er schulte rührig die lebendigen Kräfte, die willig waren, durch Tat und Opfer mitzuringen und mitzubauen. Das klare Wort Gottes und das unverfälschte Evangelium hielt die Glieder der Bekenntnisgemeinde Buer-Erle zusammen. Die Gemeinde konnte dankbar dafür sein, daß ihr in der Zeit großer Versuchung und Gefahr ein Prediger gegeben war, der gebunden an Schrift und Bekenntnis lockend, mahnend und lehrend die Wahrheit entgegen allen Irrtümern der Zeit zu bezeugen suchte und wußte.

Am 13. Juni 1936 verstirbt Rauch nach einem tragischen Verkehrsunfall auf der Straße nach Emmerich am Niederrhein, wobei die Umstände seines Todes nie geklärt werden konnten.

In der Nacht zum 9. November 1938, als jüdische Mitbürger im Pfarrhaus Schutz suchten kam es zwischen den 3 Vikaren, die nach dem Tod von Karl Rauch die Pfarrstelle betreuten, zu einem heftiger Wortwechsel, ob man den Juden überhaupt helfen sollte. Die Familie Rauch mußte das Pfarrhaus kurze Zeit darauf räumen und dort ausziehen. Frau Rauch kaufte häufig in einem Kolonialwarenladen an der Bismarckstraße ein, der einer Famile Rosenthal gehörte. Als 1942 die Deportationen der jüdischen Mitbürger begannen, bat Frau Rosenthal sie um Hilfe. Sie ließ 2 Koffer in die Wohnung der Rauchs bringen, die Frau Rauch für bessere Zeiten aufzubewahren versprach. Als sie am nächsten Tag der Frau Rosenthal eine Wolldecke bringen wollte, war deren Wohnung bereits bewacht und Frau Rauch wurde von der Gestapo ins Polizeipräsidium Buer verbracht, wo sie in „Schutzhaft" genommen wurde. Nach einigen Monaten Haft kam sie wieder frei und die Familie wurden wegen der Luftangriffe und der Schulschließungen im Frühjahr 1943 nach Thüringen evakuiert. 1952 kehrte die Familie wieder nach Erle zurück und Frau Rauch verstarb 1986 im Alter von 94 Jahren

Quellen: Menschen in Erle-Schriftenreihe zur Ortskunde Heft 6, 1994 und Privat

Fotos: Sammlung Karl-Heinz Weichelt, (c) Franz Weber und (c) M.Westphal