Ab September 1944 verstärkte die 8. USAAF ihre Angriffe auf das Rhein-Ruhr-Gebiet. Im Oktober und November 1944 unternahmen die US-amerikanischen Verbände immer wieder schwere Luftangriffe auf die Hydrierwerke in Gelsenkirchen, Bottrop und Oberhausen. Das Bomber Command beteiligte sich an diesen Bombardierungen mit schweren Tages- und Nachtangriffen auf die Hydrierwerke an Rhein und Ruhr. Während dieser Bombenangriffe werden auch in Erle viele Menschen getötet und Gebäude zerstört. Bei einem Bombenangriff am 13. September 1944 wurde u.a. auch die Auguststrasse und die Franzisstrasse schwer getroffen.


Das es bei diesem Angriff keine Toten und kaum Verletzte gab, lag unter anderem an den Stollen der Zeche Graf Bismarck. In den Abraumhalden von Schacht 2/6/9 sind diese Stollen als Luftschutzräume getrieben worden, hier fanden die Menschen Schutz vor den fallenden Bomben.



Die Royal Air Force schreibt in ihren Analen zu diesem Angriff: 6. November 1944, Gelsenkirchen, 738 Flugzeuge, - 383 Halifax, 324 Lancaster, 31 Mosquitos. Verluste: 3 Lancaster und 2 Halifax.

Das Ziel dieses Tages-Großangriffs war "The Nordstern synthetic-oil plant Gelsenberg AG", die Hydrieranlagen in der Nähe der Zeche Nordstern in Horst. Der Angriff war nicht so zielgenau wie geplant. Aber 514 Maschinen konnten das Areal und die Umgebung des Treibstoff-Werkes bombardieren, bevor der aufsteigende Rauch die Bodensicht vernebelte. Die nachfolgenden 187 Maschinen warfen Bomben auf das gesamte Stadtgebiet von Gelsenkirchen.

6. November 1944, ein Montag, kurz vor 14 Uhr. Der Drahtfunk meldete "starke feindliche Bomberverbände auf dem Anflug auf Gelsenkirchen". Nur Sekunden später: Sirenengeheul. Um genau 13.47 Uhr war der Fliegeralarm ausgelöst worden.


Bei diesem Luftangriff fanden 21 Erler im Luftschutzkeller der Schule an der Darler Heide den Tod.


An diesem Tag zerstören Bomben die Kirche, das Pfarrhaus und das Josefsheim so nachhaltig, dass an einem Wiederaufbau zunächst gezweifelt werden musste. Am 23. Februar 1945 legt ein Volltreffer Jugendheim, Kindergarten und die Borromäus-Bücherei in Trümmer. Gelingt bei der Kirche, beim Pfarrhaus und beim Josefsheim ein späterer Wiederaufbau, so ist er bei Kindergarten und Jugendheim unmöglich. Als am 31. März 1945 die Amerikaner über Heistraße und Frankampstraße in Erle einziehen, findet eine Epoche der Bedrängnis und des Leidens auch bei uns ihr Ende.

  Pfarrer Steinhaus wird zum betenden und tröstenden Mittelpunkt seiner täglich neu geschlagenen Gemeinde. Für ihre Kriegsopfer errichtet St. Barbara auf dem Vorplatz der Kirche am Allerheiligentage 1953 ein Mahnmal, das den Erzengel Michael als trauernden Hüter der Toten zeigt. In der Kirche, vor dem schönen Bildnis der schmerzhaften Mutter aus der Werkstatt Kirschbaum, liegt ein Gedenkbuch mit den Namen und Daten aller Kriegstoten.


 

Quellen:
Hans Göbel
Historisches Zentrum Hagen

Fotos: (c) Hans Göbel, Franz Weber

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Unmittelbar nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen 1945 und nachdem Ostern 1945 der gesamte Stadtnorden befreit war, übten die alliierten Truppen im Stadtgebiet die höchste Gewalt aus.  Daraus ergab es sich, daß der damalige amerikanische Stadtkommandant, Leutnant Schwobeda, punktuelle Stadtverwaltungen einsetzte. Dies geschah noch am gleichen Osterwochenende. Eigene Bürgermeister erhielten die Stadtbezirke Horst (Bürodirektor Kölling), Resse (Stadtinspektor Lanfer) und Hassel (Polizeisekretär Schortemeyer). In Erle wurde es der Kaufmann August Gärtner.

Wer war dieser August Gärtner?
An der Niefeldstraße in  Buer hatte sich August Gärtner 1908 mit seinem ersten Lebensmittelgeschäft selbständig gemacht.

1924 eröffnete er in Erle auf der Cranger Staße 295 sein zweites Geschäft. Die Geschäftsbedingungen waren so günstig, daß sich das Unternehmen ausdehnen konnte. Ein weiteres Geschäft an der Cranger Straße 205, an der Heistraße 48 und in der Resser Mark (Standort unbekannt) wurden eröffnet. In Buer an der Goethestraße kam dann noch eine weitere Verkaufsstelle hinzukam.

Die Dienststelle des amerikanischen Ortskommandanten befand sich in der Polizeiwache an der Cranger Straße. Dort wurde Gärtner mit einigen anderen Erler Bürgern hinbestellt. Der amerikanische Kommandant fragte in erster Linie nach der Parteizugehörigkeit und den damit verbundenen Funktionen. Da Gärtner sich zu keinem Zeitpunkt politisch betätigt hatte fiel die Ernennung zum Bürgermeister auf ihn.

Die ersten Tage der Besatzung waren für die Kaufmannsfamilie nicht einfach. Die amerikanischen Truppen durchsuchten seine Geschäfts- und Wohnräume, in denen ja noch gewisse Lagerbestände, u.a. auch Schnaps, vorrätig waren.
Erst mit der Anbringung des  Schildes "OFF LIMITS'" mit der Unterschrift des amerikanischen Ortskommandanten änderte sich die Situation fast schlagartig. Amerikanische Truppen hatten danach die Wohnung nicht mehr zu betreten.

Nun begann die tägliche und damit mühsame Kleinarbeit vor dem Hintergrund der
großen Sorgen und Nöte. Die Wohnung war ständig belagert. Er wurde um Vermittlung bei der Lösung persönlicher Probleme eingeschaltet, die ihn mitunter auch in Situationen brachte, die möglicherweise mit Auswirkungen auf das Geschäft verbunden waren; denn auch den Bürgern, die zu seinem Kundenstamm zählten, mußte gelegentlich ein abschlägiger Bescheid erteilt werden. Es war also nicht immer einfach, bei den erforderlichen Entscheidungen das richtige Händchen zu haben.

Nachdem er bereits 14 Tage später wieder von seinem Bürgermeisteramt entbunden wurde widmete er sich wieder hauptamtlich seiner Tätigkeit als Lebensmittelhändler.

Zunächst gab es große Schwierigkeiten in der Beschaffung der Ware; denn die vom Ernährungsamt zugeteilten Warenbezugsscheine waren nicht immer deckungsgleich mit der tatsächlichen Ware. Wenn er zum Beispiel einen Bezugsschein über 5.000 Kilogramm Zucker hatten, so kam es oft vor, daß unser Großhändler nur 500 Kilogramm liefern konnte.

Durch einen glücklichen Umstand hatte sich die Situation bald zu seinen Gunsten
verändert. Durch einen Kriegskameraden seines Sohnes bekam er  Verbindungen zu einer
bäuerlichen Absatz- und Bezugsgenossenschaft, die von den Amerikanern u.a. mit Mehl
und anderen Lebensmitteln beliefert wurde. Hier konnten er die Großbezugsscheine
voll einlösen. Nun war er in der Lage, seinen Kunden auf der Grundlage amtlich festgesetzter Zuteilungsmengen voll zu beliefern.

Gärtner`s Sohn erinnert sich:
Nun hatten wir auch einen kleinen Spielraum, um bestimmte Nahrungsmittel gegeneinander zu tauschen.
Mit besonderer Freude wurde z.B. von unseren Kunden die Nachricht aufgenommen,
daß Puddingpulver verteilt werde. Wir hatten das nur anbieten können, nachdem es
uns gelungen war, im Raum Bielefeld Mehl gegen Puddingpulver einzutauschen. Das
war mit großen technischen Schwierigkeiten verbunden. Der für das Fahrzeug erfor-
derliche Fahrbefehl der Fahrbereitschaft in Buer war nicht leicht zu haben. Außerdem
konnte es passieren, daß man mehrere Tage unterwegs bleiben mußte, um die Tausch-
geschäfte abzuwickeln. Aber irgendwie haben wir es doch immer wieder geschafft
und gemeinsam die schwierigen Jahre meistern können.

Quelle: Niederschrift von Heinrich Meya